Juristerei im Personalwesen?

Es gibt Fragen, die lassen sich einfach nicht beantworten. Da wäre zum Beispiel diese: Wieviel Platz hat die Juristerei in der Personalarbeit? Zunächst sollte vielleicht geklärt werden, wie ich überhaupt auf diese Frage gekommen bin. Das möchte ich gerne aufklären. Bei der Analyse von Ausschreibungen stolpere ich immer wieder auf die Überschrift: HR-Leiter (Volljuristen) gesucht. Volljuristen als „Head of“ in der Personalarbeit? Trotz meiner langen HR-Erfahrung erschließt sich mir dieser Wunsch einiger Unternehmen nur schwer bis gar nicht! Soll der Fokus aus dem Gesetzbuch kommen? Ist denn nicht gerade die Einsicht zu den Themen Verbesserung der Mitarbeiterbindung, Teambildung durch Stärkung von Beziehungen, faire Personalentwicklung und die Frage wie ich Wissen im Unternehmen halten soll, führend? Weg von einem starren Führungsstil und hin zu einer situativen Führungskultur? Diese Pfeiler der Personalarbeit bilden neben der Personalplanung, des Personalcontrolling und der Beratung der Mitarbeiter doch, Hand aufs Herz, den größeren Part als Arbeitsrecht. Ein Volljurist als Personalchef. Wie stelle ich mir das vor? Mein Chef sagt zu mir „He, also der Personalleiter bei uns ist Jurist! – der zeigt Dir mal richtig welche Gesetze Du einzuhalten hast! Da verlierst DU jeden Arbeitsprozess. Also benimm Dich, leiste und komm pünktlich, gemäß BGB § xyz!“ Ist das schon Führen mit Angst? Nein, so kommt es wahrscheinlich und hoffentlich nicht vor. Was aber scheint hier das Ziel zu sein? Bewirkt allein der Titel in einem Menschen Unwohlsein. Vor Juristen, Ärzten und Pfarrern hat man einfach Respekt bis hin zu Angst. Der Grund, wenn auch mehrere Jahrhunderte alt, liegt darin begründet, dass dieser Personenkreis der einzige war, der damals Lesen und Schreiben konnte und somit sehr einflussreich und angesehen war. Diese Einstellung sollte jetzt wirklich so langsam abgelegt werden. In meiner Beratungszeit habe ich allerdings gelernt, dass andere Berufsstände wie Qualitätsmanager, Fachkräfte oder Beauftragte verpönt sind, wenn an dieser Stelle Gesetze oder Normen zitiert werden. Gar so schlimm, dass die Fluktuation in diesem Berufsstand enorm hoch ist, vor allem, wenn sie versuchten mit kostengenerierenden Vorschriften zu begründen. Gesetze? Wieder mal Hand aufs Herz. Täglich wird in Unternehmen das Gesetz gebrochen! Mögliche Ordnungswidrigkeitsstrafen werden mitunter in die Budgetkalkulation eingerechnet (versteckt natürlich). Wo bitteschön ist hier nun der Volljurist? Darf oder soll er nicht über seinen HR-Tellerrand hinaussehen? Oder wägt er tatsächlich das mögliche Risiko für bewusste Verstöße ab? Das kann allerdings auch ein Nichtjurist. In den meisten Regelungen ist die Tabelle der Strafen am Ende für alle einsehbar! (Nur als kleiner Tipp). In Konzernen ist es sowieso so vorgesehen, dass selbst der HR-Volljurist noch Unterstützung durch die Rechtsabteilung und sogar durch externen Rechtsbeistand erhält. Mein Vater hat immer zu mir gesagt, wenn Du den Vertrag herausholen musst, dann ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Und er hat bis heute recht damit behalten. Haben Sie schon mal einen Volljuristen einen Konflikt lösen sehen, ohne Gesetze oder das Recht zu zitieren. Ich leider noch nicht. Wofür braucht man dann den Volljuristen in dieser Position, nochmal? Für die Ausnahmen? Wohl kaum. Und vor allem, wie deckt er sein Wissen, über die überwiegenden Themen der Personalarbeit ab? Ach so – mit qualifizierten Mitarbeitern! Ich vergaß. Wie kann er allerdings die Arbeiten und Ergebnisse beurteilen? Kann denn irgendwie jeder diesen Posten bekleiden? Juristen, Psychologen (wiederrum mit verschiedenen Schwerpunkten), BWLer, Gesundheitsmanager, Organisationsentwickler, Firmeninhaber (Ausbildung egal), usw.! Wo bitte schön, kommt diese Vielfalt in anderen Bereichen vor?  „Ja, ich habe mal Metzger gelernt und mache jetzt Gas-Wasser-Heizung!“ „Och, Chemiker fand ich zu langweilig, jetzt bewerbe ich mich mal als Head of Controlling. Ob Zahlen oder Atome, egal!“ Kaum vorstellbar. Aber im Personalbereich geht das anscheinend alles. Sollten wir nicht aufbauen auf faire, ehrliche, wertschätzende und durchaus auch konsequente Kommunikation und Zusammenarbeit in alle Richtungen und allen Ebenen? Ich denke schon, denn nur so konnte ich nachhaltig erfolgreich sein. Keinem Juristen unterstelle ich, dies nicht zu können. Natürlich gibt es Ausnahmen. Manchmal aber auch eben nicht.

Yvonne Leyendeckers ist Gründerin von Gradus Primus und seit über 30 Jahren als Führungskraft und Macher in der Industrie tätig. Von mittelständigen Unternehmen bis hin zu Konzernen reicht ihr Erfahrungspotential als HR-Leiterin, Prozess- und Organisationsoptimiererin. www. GradusPrimus.de