Coaching in der Krise – überflüssiger Luxus oder Wertbeitrag?

Die Wochen des Lockdown haben jeden Bereich der Wirtschaft erfasst und unsere unternehmerische Realität überall verändert. Die erzwungene wirtschaftliche Untätigkeit führt in vielen Fällen zu Liquiditätsengpässen und damit zu Einsparmaßnahmen. Frühe Kandidaten für Einsparungen sind – wie häufig – Maßnahmen der Personalentwicklung und Qualifizierung. HRler müssen sich als Krisenmanager beweisen und Home Offices organisieren, Online Onboardings kreieren, vielfach auch die Vorgaben der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes in den Unternehmen umsetzen.

Auch das Senior Executive Coaching läuft Gefahr, dem unerwarteten Finanzdruck zum Opfer zu fallen – und damit werden wertvolle Chancen vergeben, schnelle Wege heraus aus der Krise zu definieren und umzusetzen. Es kann auch anders gehen!

In den letzten Wochen hatte ich Gelegenheit, mir die Beauftragungspraxis für Coaching unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen anzuschauen. Meine Klienten kommen in der Regel aus den Top Managementebenen großer Unternehmen, sowohl national als auch international.

Laufende Coachingprozesse laufen auch in schlechten Zeiten weiter, so ist es auch in meinem Geschäft. Neue Aufträge zu generieren, ist jedoch schwierig – erst recht als Newcomer. Auffallend jedoch für mich: meine internationalen Kunden sind deutlich weniger zurückhaltend in der Einsparung von Kosten beim Coaching. Woran liegt das?

In den angelsächsischen Ländern ist Coaching als professionelle Technik der Weiterentwicklung von Top Managern deutlich besser anerkannt als in Deutschland. Seit jeher wird sehr viel Wert auf die Qualifizierung, Akkreditierung, Performance und fortwährende Supervision von Coaches gelegt. Auch ich bin zwei Jahre lang zum Master of Executive Coaching ausgebildet worden und unterliege über meine Akkreditierung den hohen Standards der englischsprachigen Business Schools. Zwar haben sich in den letzten Jahren auch in Deutschland höhere Standards für den Einkauf von Coaches durchgesetzt, Vergleichbar mit UK ist die Lage allerdings nach wie vor nicht.

Mit psychologischer Theorie und Praxis allein ist es beim seriösen Senior Executive Coaching jedoch nicht getan: Es bedarf der engen Verbindung zur unternehmerischen Realität unserer Klienten, damit ein schneller und signifikanter Erfolg im Coaching sichtbar wird. Geschäftsführer und Vorstände sind an einem „rein psychologischen“ Coaching in der Regel nicht interessiert. Sie erwarten in der Person des Coach einen Partner für die berufliche Auseinandersetzung außerhalb der Tagesordnung. Sie wollen Ideen reflektieren, Verhalten erproben und sich mit den Ergebnissen ihres Handelns professionell auseinander setzen.

Diese Art der Partnerschaft setzt Glaubwürdigkeit voraus, also die Fähigkeit, die Realität des Klienten nicht nur einschätzen zu können, sondern tatsächlich geteilt zu haben und aus dem eigenen Erfahrungsschatz die Klienten heraus zu beraten und zu unterstützen.

Dies ermöglicht eine ganz anders intensive Auseinandersetzung – sei es beim Assessment, bei der Planung von unternehmerischen Veränderungen oder bei der Gestaltung der eigenen Karriere. Es ist diese ganz spezielle Kombination von Coaching und Sparringspartnering, die Senior Executive Coaching auszeichnet.

Offensichtlich wird dieser Nutzen für die Unternehmen außerhalb von Deutschland deutlich besser erkannt und geschätzt. Selbstverständlich haben alle meine Klienten die Krise zum Anlass genommen und ihre Coachingagenda überarbeitet und angepasst. In Unternehmen, in denen auf höchste Qualitätsstandards beim Coaching gesetzt wird, zeigt dies auch umgehend Wirkung – auch im Ergebnis.

Mein Fazit: Eine gute Gelegenheit für Unternehmen und ihre Personalabteilungen, ihren Coachpool von „Karteileichen“ zu bereinigen und auf Qualität zu setzen! Nach wie vor wird mit dem Begriff des Coaching zuviel Schindluder getrieben – das ist schlecht für den Ruf unserer Branche und noch viel schlimmer: schlecht für die Unternehmen.

Dr. Susanne Kortendick, Msc, Jahrgang 1962. Promovierte Verhaltenswissenschaftlerin und Master of Executive Coaching. Ashridge Accredited Coach seit 2011. Seit Anfang 2020 selbstständig mit Kortendick Solutions (www.kortendick-solutions.de) als Senior Executive Coach und Unternehmensberaterin Susanne Kortendick steht auch als Sprecherin immer wieder auf der Bühne: Mit den Themen Female Leadership / Diversity / Senior Leadership Coaching bringt sie Dynamik und Spannung in Diskussionen