Authentizität vs. Vernunft – Sinnhaftigkeit ehrlicher Führungsstile

Authentisch führen, glaubwürdig sein und mit gutem Beispiel vorangehen, sind elementare Werte der Mitarbeiter- und Unternehmensführung. Was sich auf den ersten Blick selbstverständlich anhört, sieht in der Praxis in vielen Unternehmen leider ganz anders aus. Offensichtliche Grundwahrheiten hängen als Schlagworte und Slogans an den Bürowänden und finden sich in vielerlei Dokumenten, Leitmotiven und Werte-Doktrinen wieder – oft gibt es jedoch ein Dilemma von Wort und Tat.

Was ist authentische Führung

Authentizität wird heutzutage im Business ein hoher Stellenwert zugeschrieben und ist zu einem relevanten Thema in der Führung geworden. Aber was genau heißt es, authentisch zu sein? Authentizität steht hier für Verhaltensweisen in der Führung, die mit den persönlichen Ansichten übereinstimmen. Auf Manager bezogen bedeutet dies, dass sie ehrlich und ungekünstelt sind, Entscheidungen treffen und diese konsequent vertreten, sich an Absprachen und Versprechen halten – aber auch angemessene Emotionen zeigen, sodass andere wissen, woran sie sind. Ein solches Verhalten wird dann von Mitarbeitern und Vorgesetzten als authentisch und glaubwürdig wahrgenommen.

Werte und Überzeugungen

Authentische Führungskräfte sind sehr selbstreflektierend und klar bezüglich ihrer eigenen Einstellungen und Werte. Sie sind in der Lage diese offenzulegen und sie handeln in Übereinstimmung mit ihren Überzeugungen – mit Transparenz, Ehrlichkeit, Offenheit und Wertschätzung gehen sie im Alltag mit gutem Beispiel voran. Authentische Führungskräfte verfolgen ihre Werte immer konsequent und sind meinungsstark – auch dann, wenn Nachteile oder unangenehme Konsequenzen zu befürchten sind. Authentische Manager, die aufrichtig und sich selbst gegenüber ehrlich ist, kennen zudem ihre eigenen Stärken und Schwächen. Denn nur wer die Fähigkeit zur Selbstreflektion besitzt, geht auch wesentlich besser mit Kritik und negativen Rückmeldungen von außen um. Die Verhaltensweisen authentischer Führungspersönlichkeiten im Unternehmen sowie sich selbst gegenüber stehen im Einklang miteinander – dabei geht es auch nicht nur darum, sich selbst als authentisch wahrzunehmen, sondern dass auch andere dies tun.

Grenzen authentischer Führung

Authentische Führung birgt allerdings auch Grenzen und ist kein Argument für eine egoistische „Ich-bin-halt-so“ Einstellung. Wer privat sehr temperamentvoll und direkt ist, ist nicht authentisch, wenn er auch im Job um jeden Preis offen und ehrlich jeder Laune nachgibt. Auch ein besonders großes Harmoniebedürfnis ist in einer Führungsrolle fehl am Platz und ein zu 100 Prozent authentisches Auftreten nicht immer möglich. Gerade die naive Vorstellung, durch einen besonders zur Schau gestellten authentischen Führungsstil von jedem Stakeholder akzeptiert oder gar gemocht zu werden, ist viel zu schön, um wahr zu sein – hiervon sollten sich Manager verabschieden.

So können authentische Handlungsweisen oft im Gegensatz zu sinnvollen, unternehmerischen Entscheidungen stehen. Im täglichen Business müssen oft harte Entscheidungen getroffen werden – die richtige Distanz spielt hier eine wichtige Rolle. Weder zu viel Nähe noch zu viel Distanz sind hilfreich beim Führen. Wer Geschäft nicht von Privatperson trennen kann und Dinge zu nah an sich heranlässt, kann nicht in vollem Umfang authentisch sein. Es ist deshalb hilfreich, sich stetig zu hinterfragen, wie viel man von sich preisgeben und wie man sich präsentieren möchte.

Denn Manager mit Führungsverantwortung sollten nie vergessen, dass Sie auch eine Rolle spielen. Mut, Optimismus, Motivation und Überzeugungskraft sind daher als alltägliches Handwerkszeug unerlässlich und beeinflussen nicht nur Aufstiegschancen, sondern ganz klar auch das wirtschaftliche Handeln und damit den Erfolg des gesamten Unternehmens.

Authentische Manager führen erfolgreiche Teams und Unternehmen

Trotzdem lohnt sich authentische Führung. Wer als Führungskraft in der Lage ist, Gefühle und Gedanken auszudrücken und zu vermitteln, schafft Vertrauen und Glaubwürdigkeit, Werte die in Zeiten digitaler Transformation und ständiger Veränderungen unbedingt erforderlich sind. Dadurch entsteht eine positive Beziehung zu den Mitarbeitern, ein wichtiger Faktor für Teamerfolge. Klare Kommunikation beugt Missverständnissen vor und schafft Transparenz – Grundvoraussetzung für einen guten Umgang miteinander. Daneben ist Wertschätzung durch den Vorgesetzten wohl eine der größten Motivationen für Mitarbeiter. Echte Anteilnahme und Fürsorge durch die Führungskraft verbessern die Stimmung im Team und wirken ermutigend. Diese Eigenschaften werden insbesondere vor dem Hintergrund der Ansprüche und Erwartungen neuer Mitarbeitergenerationen und jüngerer Führungskräfteanwärter zum immer wichtiger werdenden Wettbewerbsvorteil für Unternehmen.

Wer es als Führungskraft versteht, ein ausgeglichenes Maß an authentischem Management an den Tag zu legen, der wird positive Synergien ernten und belohnt werden – mit deutlich höherer Effizienz und Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter, Kreativität und Ideen für die Zukunft sowie einer starken Identifikation mit dem Unternehmen. Das daraus resultierende Wir-Gefühl ist eine essenzielle Basis für erfolgreiche Mitarbeiterbindung und gerade in Zeiten des Fachkräftemangels einer der wichtigsten Faktoren für den Unternehmenserfolg.

Jörg Kasten ist Managing Partner bei der internationalen Personalberatung Boyden Executive Search in Frankfurt und Chairman der Boyden World Corporation. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Executive Search-Erfahrung und besetzt erfolgreich Top-Führungspositionen für internationale Kunden in den Bereichen Technologie, Professional Services und Konsumgüter.