Whistleblowing – Stichwort Vertrauenskultur!

Der Umgang mit Whistleblowing ist ein Thema, das mich nicht nur in meiner Funktion als Ombudsfrau beschäftigt, sondern auch im Hinblick auf die menschliche Komponente. Das Thema isoliert aus der rein juristischen Brille zu betrachten ist zu kurz gesprungen, da zutiefst menschliche Belange involviert sind. Auf allen Seiten sind Menschen beteiligt – der Whistleblower, Mitarbeitende, Vertreter*innen und Organe des Unternehmens, Geschäftspartner*innen sowie Kund*innen. Dazu kommt, dass Whistleblowing viel und heftig diskutiert wird, oft mit ambivalenten Gefühlen verbunden ist und sich im Spannungsfeld von „Denunziantentum und Zivilcourage“ bewegt. Manager*innen und das HR-Management sind hier besonders gefordert, genau hinzuschauen.

Wie ist die Gesetzeslage?

Für einige Branchen (Banken, Versicherungen) ist die Einrichtung eines anonymisierten Meldeverfahrens bereits zwingend und auch der Deutsche Corporate Governance Kodex empfiehlt den Betrieb eines Hinweisgebersystems. Seit dem 26. April 2019 ist das Gesetz zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen (GeschGehG) in Deutschland in Kraft. Am 7. Oktober 2019 wurde außerdem die sog. EU-Whistleblower-Richtlinie im EU-Parlament verabschiedet. Danach ist jedes Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeiter*innen zur Einrichtung eines Hinweisgebersystems – unabhängig von der Branche – verpflichtet. Hinzuweisen ist außerdem auf den Ausnahmetatbestand des § 5 Nr. 2 GeschGehG: Jeder Whistleblower kann Geschäftsgeheimnisse straffrei veröffentlichen soweit er zur Aufdeckung einer rechtswidrigen Handlung oder eines beruflichen oder sonstigen Fehlverhaltens handelt und die Erlangung, Nutzung und Offenlegung des Geschäftsgeheimnisses geeignet ist, das allgemeine öffentliche Interesse zu schützen. Unternehmen sind also gut beraten, Whistleblowern als Teil einer vertrauensvollen Unternehmenskultur die Möglichkeit anzubieten, über ein Hinweisgebersystem auf Fehlentwicklungen oder Missstände aufmerksam zu machen – und nicht gezwungen zu sein, direkt den Gang zu Behörden oder der Öffentlichkeit anzutreten. Und übrigens: Ein funktionierendes System ist außerdem unverzichtbarer Bestandteil eines effektiven Compliance Management Systems und schützt damit das Unternehmen, seine Manager*innen und Mitarbeitenden – ebenso wie den redlichen Whistleblower.

Aber was ist eigentlich ein Whistleblower und ein Hinweisgebersystem?

Whistleblower sehen sich als Menschen, die“ – vermeintlich – „illegales Handeln, Missstände oder Gefahren für Mensch und Umwelt nicht länger stillschweigend hinnehmen, sondern aufdecken“ möchten. „Sie tun dies intern innerhalb ihres Betriebes, ihrer Dienststelle oder Organisation oder auch extern gegenüber den zuständigen Behörden, Dritten oder der Presse…“ (s. Definition bei whistleblower-net.de). Möglich sind externe und interne Systeme. Hinweise sind sowohl personalisiert über Ombudspersonen als auch IT-gestützt möglich (z. B. über eine Telefonhotline, eine internetbasierte Lösung, via E-Mail oder mithilfe eines Postfaches).

Die Ombudsperson als Standbein einer Vertrauenskultur im Unternehmen

Beide, der Whistleblower als auch das Unternehmen und seine Vertreter*innen, befinden sich in einem Spannungsfeld von Denunziantentum und Aufklärungsbedürfnis. Hier kann ein externer Kontakt in Form einer Ombudsperson von unschätzbarem Wert sein. Sie vereint die Vorteile der Sicherstellung der Anonymität des Whistleblower durch Benennung von Berufs wegen zur Verschwiegenheit verpflichteten Berufsträger*innen (z.B. Rechtsanwält*innen) und bietet gleichzeitig einen persönlichen und geschulten Ansprechpartner. Dies ist eine Win-Win-Situation für Alle: Den Interessen des Whistleblower nach Schutz und Vertraulichkeit kann Rechnung getragen werden, aber auch denen des Unternehmens, Fehlentwicklungen und Missständen frühzeitig zu entgegnen und darüber hinaus wissentlich falsche und unredliche Meldungen zu filtern.

Dr. Kathrin Niewiarra ist Rechtsanwältin und Attorney-at-Law (NY). Unter ihrer Marke bleu&orange® bietet sie ganzheitliche Corporate Compliance-Beratung und -Schulung für Manager und ihre Unternehmen. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin des Compliance Channel, eines Web-TV Sender im Themenspektrum Ethik und Compliance.