Künstliche Intelligenz – haben wir bald Roboter als Chefs? (Teil 1/2)

„Siri, wie wird das Wetter heute?“ „Alexa, spiel Musik von Abba!“, solche oder ähnliche Aufforderungen an ihre elektronischen Geräte finden viele Menschen inzwischen völlig normal und alltäglich. Künstliche Intelligenz (KI) hat mit Programmen wie Siri oder Alexa längst im Consumer-Bereich Einzug gehalten. KI, das bedeutet, dass Maschinen lernen und Aufgabenstellungen bewältigen, für die bei Menschen Intelligenz vorausgesetzt wird. Bei Gadgets für Consumer ist das mal hilfreich, mal lustig. Ganz anders steht es um die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz im Arbeitsbereich, zum Beispiel in der Produktion. Die Automatisierung stellt für Unternehmen eine große Herausforderung dar, macht aber auch enormen Fortschritt möglich. Die Kombination von Automatisierung und Künstlicher Intelligenz hat bereits jetzt die Effizienz in Produktionsbetrieben erheblich gesteigert. In drei bis fünf Jahren sollen mehr als 80 Prozent der repetitiven, prozessorientierten Aufgaben automatisiert sein. Zwischen 2013 bis 2025 rechnen Experten mit einem Produktivitätsschub von 12 Prozent.

 

KI verändert die Arbeitswelt

Vor der Industrie 4.0, der Verbindung von Produktion mit moderner Informations- und Kommunikationstechnik, haben viele Menschen Angst und befürchten Jobverluste. „Wir rechnen allerdings zunächst sogar mit einem Fachkräftemangel“, erklärt Gabriele Sommer, Leiterin des Bereichs Personal bei der TÜV SÜD AG. „Mit der Einführung von KI-Systemen müssen Rollen neu definiert und ganze Berufe neu geschaffen werden. Diese Entwicklung macht vor keiner Sparte und Ebene Halt.“ Durch die bereits jetzt angewandten Technologien, wie autonomes Fahren oder Paketauslieferung mithilfe von Drohnen, sind zum Beispiel Berufsfahrer und Zusteller schon konkret von Arbeitslosigkeit bedroht. Historisch wurden aber überflüssig gewordene Jobs immer durch andere, höher qualifizierte Arbeitsplätze ersetzt und auch in absehbarer Zukunft wird es keinen Mangel an Aufgaben geben, die nur der Mensch übernehmen kann.

 

Definition von Arbeit

Zunächst muss der Begriff Arbeit neu definiert werden. Was ist Arbeit in der Zukunft? Künstliche Intelligenz dringt in die letzten Bereiche ein, die bisher dem Menschen vorbehalten waren – Denken, Wissen und Entscheiden – und kratzt so am Selbstbild des Menschen, der sich häufig über seine Arbeit definiert. Man kann es als Chance sehen, dass sich die Bedingungen, unter denen Menschen künftig arbeiten werden, ändern. Denn aus der Notwendigkeit heraus, können und müssen diese neu verhandelt werden. Künftig könnte es zum Beispiel noch unwichtiger werden, wo und wie lange wir arbeiten. Dafür wird die Qualität der Arbeit mehr an Bedeutung gewinnen. Ein Ansatz, um ein anderes Bewusstsein für Arbeit und Arbeitsleistung zu schaffen, ist die Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen, das in Zukunft sicher immer mehr Unterstützer finden wird. Die Umstellung zu einer total digitalisierten Arbeitswelt erfolgt nicht von heute auf morgen – und so besteht genug Zeit, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.

 

Roboter als Recruiter

Auch die Managementebene ist von der Digitalisierung nicht ausgeschlossen. Algorithmen werden künftig immer mehr Prozesse automatisch berechnen und Entscheidungsvorgaben machen. Laut Studien könnten Maschinen mit KI in circa fünf Jahren schon drei Viertel aller Managementaufgaben übernehmen. Lernfähige Computerprogramme werden Führungskräfte immer mehr dabei unterstützen, sachlich fundierte Entscheidungen zu treffen und strategische und administrative Entscheidungen, die zum Beispiel Investitionen oder Kostensenkungen betreffen, zu fällen. Diese würden dann – zumindest vorerst noch – dem menschlichen Chef nur noch zur endgültigen Entscheidung vorgelegt werden. Darüber hinaus ist vor allem das Recruiting ein Bereich, den die Maschinen übernehmen können: Programme sind schon jetzt in der Lage, geeignete Bewerber anhand von Qualifikationen wie Schulabschluss oder Weiterbildungen herauszufiltern. Mit Hilfe von Social-Bots werden Computerprogramme künftig auch immer mehr über Soft Skills und deren Bedeutung lernen, so dass sie diese Kriterien bei der Bewerberauswahl berücksichtigen können. Dazu muss KI lernen, was „soziale Kompetenz“ ist. Vorausgesetzt, die Software wurde entsprechend programmiert, gehört Diskriminierung dann der Vergangenheit an: Entscheidungen durch virtuelle Intelligenz werden nicht mehr durch ausgrenzende Faktoren und Vorurteile beeinflusst. So gesehen trägt KI im Recruiting zu einer gerechteren Jobvermittlung bei, weil ethnische Herkunft, Aussehen, Geschlecht und Sexualität keine Rolle mehr spielen werden, sondern Kandidaten nur noch aufgrund ihrer Qualifikationen und sozialen Kompetenzen ermittelt werden. Auch Bauchentscheidungen gehören dann allerdings der Vergangenheit an – und das obwohl sich ein gutes Bauchgefühl des Recruiters für einen Bewerber in der Praxis oft als zutreffend erweist. Trotzdem: Experten gehen davon aus, dass im Management zuerst der menschliche Recruiter durch die Maschine ersetzt wird.

Autorin: Gabriele Sommer, Bereichsleitung Personal der TÜV SÜD AG